Nadine … und das Leben mit mir selbst

Bis vor etwa anderthalb Jahren war ich immer in langen, festen Beziehungen. Single sein war dazwischen meist nur von kurzer Dauer. Irgendwie hatte ich Glück, es waren immer nur kurze Übergänge. Eine Phase, bis jemand wieder in mein Leben tritt, so lange wie im Moment, das kenne ich gar nicht.

Heute weiß ich, allein sein ist kein Übergang, sondern ein ganz eigenes Leben. Es ist Entwicklung. Und manchmal ist es auch echt verdammt anstrengend.

Allein sein bedeutet nämlich, das Leben selbst zu tragen. Die großen Entscheidungen und natürlich auch die tausend kleinen, jeden einzelnen Tag.

Ich stehe morgens auf, ich gehe arbeiten, kümmere mich um meine Wohnung, gehe einkaufen, kümmere mich um Rechnungen und Verpflichtungen, um Termine, Müll, Balkon, Wäsche und so vieles mehr.

Und manchmal kämpfe ich mit Dingen, die vermutlich in keiner romantischen Vorstellung vom Singleleben vorkommen.

Zum Beispiel Insekten, die plötzlich meinen, mich besuchen zu wollen. Manchmal brauche ich eine halbe Stunde, um Hornissen, ekelhafte Spinnen oder irgendwelche Falter wieder aus meiner Wohnung zu verbannen, weil es jedes Mal so viel Überwindung kostet und einfach niemand da ist, der den Helden spielt. Ein Hoch auf Insektenschutzgitter, die ich nebenbei bemerkt sehr fachmännisch selbst angebracht habe.

Oder ein einfaches Loch in die Wand bohren mit einem Akkubohrer, weil gesagt wurde, das Ding hat genug Kraft. Das Ding kannte meine Wände natürlich nicht. Okay, ich habe jetzt mehrere kleine Krater in den Wänden, aber wen juckt es schon. Allein sein bedeutet auch, Dinge selbst zu reparieren oder zumindest so zu tun, als hätte man sie repariert.

Ach, und meine tollen Designer Baustellenlampen, die ich nach fast zwei Jahren immer noch nicht ausgetauscht habe. Ich hatte bislang weder die Lust, neue Lampen zu kaufen, noch jemanden wieder einmal zu bitten, sie anzubringen. Baustellenlampen haben schließlich auch ihren eigenen Charme. Minimalistisches Industriedesign.

Dinge schleppen gehört auch dazu. Man geht einkaufen oder kauft neue Möbelstücke. Jedes Mal muss man überlegen: Schaffe ich das alleine in die Wohnung zu tragen? Einfach mal eine neue Waschmaschine kaufen erfordert plötzlich eine riesige Organisation. Die Wohnung umstellen geht alleine oft nicht, also halte ich manchmal einfach aus, dass alles so bleibt.

Und dann diese Technik. Leute, ich sage es euch, wenn man nicht dran bleibt, fühlt man sich plötzlich wie achtzig. Und ich bin definitiv nicht dran geblieben. Bei manchen Dingen muss ich erst ein halbes Studium absolvieren, um wieder zu verstehen, wie sie funktionieren.

Fenster putzen zum Beispiel. Ich hasse Fenster putzen. Aber irgendwann ist einfach mal Zeit.

Tja, und manchmal schneidet man sich beim Kochen in den Finger oder stößt sich irgendwo und merkt plötzlich: Da ist niemand, der sagt, oje, komm mal her, ich helfe dir. Also klebt man sich selbst ein Pflaster drauf und macht einfach weiter. Oder man bekommt eine fette Grippe, niemand da, der Tee bringt und alles organisiert. Man stirbt ganz alleine vor sich hin.

Auch unterwegs bedeutet allein sein Verantwortung. Darauf zu achten, wann und wie man nach Hause geht. Auf sich selbst aufzupassen, sich selbst zu schützen, Ängste alleine auszuhalten.

Aber allein sein ist nicht nur Organisation des eigenen Chaos und kleine Alltagsdramen. Allein sein bedeutet auch Freiheit.

Ich kann alleine entscheiden zu reisen. Ich kann spontan Neues ausprobieren, wann ich will. Ich kann mich treffen, wann und mit wem ich will. Ich kann meine Komfortzone verlassen oder einfach still bleiben. Ich muss mich nicht abstimmen, nicht rechtfertigen. Ich darf morgens um fünf Uhr Kerzen anzünden und einfach nur still sitzen, ohne Störung und ohne Kommentar. Ich lese viel, schaue Serien, koche und putze wann ich möchte, gehe raus. Ich darf mein ganz eigenes Leben gestalten.

Aber ich lerne auch etwas anderes.

Mich selbst auszuhalten. Auszuhalten, wenn Erinnerungen kommen, wenn Wut auftaucht, wenn Traurigkeit da ist oder der Schmerz oder Angst plötzlich anklopft. Das sind Momente, in denen ich merke, wie viel in mir arbeitet. Dann gehe ich oft raus, sitze mit dem Hund draußen oder laufe durch den Wald, höre Musik und lasse all das da sein. Und ich lerne immer mehr, mich selbst zu regulieren.

Ich gehe zum Sport, den ich liebe, obwohl mich dort auch vieles triggert. Ich reflektiere viel, ich stelle mir Fragen über mein Leben und darüber, was ich wirklich will und brauche. Und ja, ich weine auch. Deutlich mehr als früher. Und ich lerne, das ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass ich wieder mehr bei mir selbst ankomme. Allein sein zwingt einen oft dazu hinzuschauen, wenn man es zulässt.

Ich erlebe oft, dass viele Menschen sich ablenken, in Beziehungen flüchten oder an der Oberfläche bleiben, oder in ihren Ängsten stecken bleiben. Tiefe ist manchmal unbequem und nicht jeder kann mit Tiefe umgehen oder sie halten. Nicht jeder kann Ehrlichkeit, Echtheit oder emotionale Nähe tragen. Das war für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse.

Durch das Alleinsein habe ich ein anderes Verständnis für Beziehungen bekommen. Ich wünsche mir echte Verbindung, Ehrlichkeit und vor allem Respekt. Und das gilt für mich nicht nur für feste Beziehungen. Auch lockere, offene Begegnungen dürfen ehrlich, klar und respektvoll sein. Nicht alles, was ich in mir trage, gehört nach außen. Ich werde in Zukunft besser darauf achten, was ich teile und wem ich es anvertraue, wem ich mein inneres schenke. Ich war oft sehr vertrauensvoll, habe viel gegeben und wurde am Ende sitzen gelassen oder verletzt. Manchmal habe ich mich dadurch auch selbst verletzt. Ich war leider auch naiv. Ich möchte achtsamer sein, mit mir selbst und mit den Menschen, denen ich begegne. Ich bin offen für Verbindung, aber nicht mehr um jeden Preis. Und solange ich das nicht spüre, kämpfe ich lieber weiter im Alltag mit Spinnen, Kratern in den Wänden und Pflastern, die ich mir selbst aufklebe.

Allein sein bedeutet nicht einsam zu sein. Es bedeutet für mich, mich selbst besser kennenzulernen. Allein sein bedeutet für mich nicht, dass ich niemanden brauche. Es bedeutet, dass ich gelernt habe, auch ohne jemanden weiterzugehen.

Und wenn irgendwann wieder jemand in mein Leben tritt, dann nicht, um eine Lücke zu füllen, sondern weil zwei Menschen sich entscheiden, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen, offen, ehrlich, respektvoll, vielleicht locker, vielleicht fest.

Und vielleicht werde ich auch gelegentlich vor Spinnen gerettet.

In diesem Sinne…

Nadine

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