Manchmal merkt man erst ziemlich spät, dass man sich verändert hat, nicht weil morgens plötzlich ein neuer Mensch im Spiegel steht oder man nach drei Podcasts endlich seine innere Mitte gefunden hat (hat noch nie funktioniert), sondern viel unspektakulärer. Man trifft Menschen, probiert sich aus, lässt Nähe zu, erlebt Schönes, Komisches/Bizarres und manchmal auch Dinge, bei denen man hinterher denkt: Joa, musste ich jetzt vielleicht auch nicht unbedingt haben. Und irgendwann merkt man ziemlich deutlich: Das hier passt einfach nicht mehr zu mir.
Genau das ist mir in diesem Sommer ziemlich oft passiert.
Ich habe viele Menschen kennengelernt, alte Kontakte wieder erlebt, Nähe zugelassen, viel geflirtet, geredet, beobachtet und ziemlich viel ausprobiert. Es war wirklich ne Menge los. Und dabei ging es irgendwann gar nicht mehr so sehr darum, wen ich gut finde oder wer mich gut findet, viel spannender wurde plötzlich die Frage: Was fühlt sich für mich eigentlich noch wirklich richtig an und, fast noch wichtiger, was eben nicht mehr, ganz egal in welchem Bereich!?
Ich habe dabei ziemlich oft festgestellt, dass manches schlicht definitiv nicht mehr meine Welt ist. Unzuverlässigkeit, Unehrlichkeit, Menschen, bei denen man permanent rätseln muss, woran man ist, kein echtes Interesse, keine Tiefe, keine Bereitschaft, auch mal über sich selbst nachzudenken. Und ganz ehrlich: Ein Mindestmaß an Investition hat plötzlich erstaunlich viel Charme. Keine 24-Stunden-Erreichbarkeit nein, keine täglichen Liebeserklärungen omg nein und auch kein Motivationsschreiben, all das brauche ich gar nicht. Einfach das Gefühl, dass Interesse nicht nur von mir kommt und ich nicht immer diejenige bin, die nachfragt, Kontakt hält oder sich bemüht.
Und ich merke viel schneller, wenn ich an einen Punkt komme, an dem ich denke: Joa, kann ein netter Mensch sein, kann auch ein schöner Abend sein, aber deswegen muss es noch lange nicht in mein Leben passen.
Früher hätte ich vermutlich länger nach Gründen gesucht, warum es vielleicht doch funktionieren könnte, hätte Erklärungen gesucht für Verhalten, das sich eigentlich längst komisch angefühlt hat und vielleicht noch versucht, etwas zu retten, bevor überhaupt klar war, ob es da wirklich etwas zu retten gab. Heute fühlt sich das alles viel ruhiger an, denn irgendwann muss man niemanden mehr überzeugen, anders zu sein, niemanden erziehen, retten oder emotional auf eine Betriebstemperatur bringen, die ungefähr mit der eigenen kompatibel ist. Manche Menschen passen einfach nicht und das bedeutet nicht automatisch, dass einer davon schlecht oder falsch ist. Es passt eben nicht. Ja man, auch das musste ich offenbar erst mal kapieren.
Und ich denke immer öfter: Dann bin ich eben lieber allein, und ganz ehrlich, ich finds ziemlich gut. Und ja, das ist für mich tatsächlich schon ziemlich fortgeschritten.
Dass ich heute vieles klarer sehe, ist ja nicht einfach so passiert. Da steckt schon ordentlich was drin: Beziehungen, Enttäuschungen, Schmerz ohne Ende, Verluste, neue Anfänge, berufliches Rumprobieren und gefühlt tausendmal die Frage, was ich eigentlich will und was definitiv nicht mehr.
Und gleichzeitig gibt es mittlerweile ziemlich viel in meinem Leben, das ich wirklich mag. Meine Wohnung, in der ich mich wohlfühle, meinen Job den ich mag, meine Familie, meinen Hund, meinen Sport, mein Schreiben, meine Freiheit und dieses immer häufiger auftauchende Gefühl, mein eigenes Leben tatsächlich ziemlich gern zu haben. Schönes Gefühl. Nicht jeden Tag natürlich, wir wollen es nicht übertreiben, aber es ist da.
Und genau deshalb ist mein Leben kein Selbstbedienungsladen mehr.
Das bedeutet nicht, dass jemand, der zu mir gehört, genauso sein muss wie ich. Gott bewahre. Eine zweite Version von mir in derselben Wohnung könnte vermutlich schon aus versicherungstechnischen Gründen schwierig werden. Ich möchte auch niemanden, der mir einfach nach dem Mund redet, im Gegenteil, natürlich darf jemand mir sagen, wenn ich Mist baue, mich bremsen, mir Dinge spiegeln oder widersprechen.
Ich weiß nur viel besser, wie sich das für mich anfühlen sollte: nicht wie Zurechtbiegen, sondern eher wie Begleiten, direkt, aber nicht hart, eigenständig, aber nicht ständig auf Abstand, ruhig, ohne langweilig zu sein. Jemand, der sagen kann: „Da sehe ich das anders“, aber trotzdem noch wissen möchte, warum ich so denke, der nicht jedes Wort auf die Goldwaage legt und bei Unsicherheit nicht gleich innerlich die Fluchttür sucht.
Sicherheit ist für mich dabei echt wichtig geworden und dieses Gefühl gehört für mich einfach ganz klar dazu, reden zu können, wenn irgendwas ist, ohne gleich Angst haben zu müssen, dass danach alles anders ist, nicht ständig überlegen zu müssen, welche Version von mir gerade am besten ankommt und vor allem bei jemandem eher ruhiger zu werden, statt mich noch mehr infrage zu stellen, was ich ja bekanntlich ziemlich zuverlässig beherrsche. Wenigstens auf irgendwas ist Verlass.
Und gleichzeitig habe ich überhaupt keine Ahnung, ob ich gerade eine klassische Beziehung will. Auch das ist neu. Früher war Beziehung für mich irgendwie klarer: viel Zeit miteinander, Wochenenden, Urlaub, Alltag, irgendwann vielleicht gemeinsames Zuhause, das übliche Paket eben.
Heute weiß ich gar nicht mehr, ob genau dieses Paket noch meins ist. Vielleicht möchte ich Nähe und trotzdem Freiheit, Verbindlichkeit, ohne mich eingeengt zu fühlen, Tiefe, ohne jede freie Minute miteinander verbringen zu müssen. Vielleicht möchte ich lieben und trotzdem mein eigenes Leben behalten und vielleicht darf es zwischendurch auch einfach Geschichten geben, die schön sind, obwohl sie nicht für immer gedacht sind. Und selbst wenn etwas locker und frei sein darf, brauche ich dabei trotzdem Sicherheit.
Ich weiß es gerade einfach nicht genau und das Erstaunliche daran ist: Ich muss es auch nicht wissen.
Ich kann viel eher schauen, wie sich etwas überhaupt anfühlt. Kann ich ich selbst sein, kann ich offen reden, ist echtes Interesse da, Tiefe, Humor, darf ich auch mal unsicher oder unsortiert sein oder bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, aus drei Brotkrumen ein komplettes Drei-Gänge-Menü zu interpretieren? Manche Antworten bekommt man leider wirklich erst, wenn man Dinge erlebt, manchmal auf die schöne Art, manchmal eben auch auf die, die ordentlich wehtut. Gehört wohl dazu.
Und ja, natürlich gibt es trotzdem noch Dinge, an denen ich festhalte. Eine Geschichte ganz besonders. Der vernünftige Teil in mir könnte darüber vermutlich einen ziemlich überzeugenden Vortrag halten, mein Herz hat sich dazu bislang allerdings entschieden, nur eingeschränkt an der Veranstaltung teilzunehmen.
Auch das gehört offenbar dazu.
Denn selbst diese Geschichte hat mir unglaublich viel gezeigt, was mir fehlt, was mich berührt, was mich verletzt, was Sicherheit für mich bedeutet, wo meine Ängste sitzen und was ich brauche. Und trotz allem verspüre ich dafür auch Dankbarkeit, weil ich daran gewachsen bin und heute vieles klarer sehe. Ich versuche sowieso eher, aus dem, was passiert, irgendwas mitzunehmen, auch wenn ich auf manche Lektionen durchaus hätte verzichten können. Jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich herum, seine Erfahrungen, Ängste und Baustellen, und nur weil etwas wehgetan hat oder anders gelaufen ist, als man es sich gewünscht hätte, muss daraus nicht automatisch Groll werden.
Und was ich definitiv nie wieder gegen irgendeine Form von Nähe eintauschen möchte, ist:
Mich selbst!!!!
Ich war ja die ganze Zeit da, ich habe nur immer deutlicher gemerkt, wann ich mich selbst verlasse, wann ich mich kleiner mache und wann ich anfange, Dinge auszuhalten, die eigentlich gar nicht mehr zu mir passen. Und genauso habe ich gemerkt, wie gut es sich anfühlt, wenn ich bei mir bleibe, offen sein darf, Sehnsucht haben darf, Nähe wollen darf und trotzdem nicht wieder mein komplettes eigenes Leben dafür aus der Hand geben muss, hatten wir alles schon, war anstrengend genug.
Ich weiß noch längst nicht genau, wie Liebe für mich in Zukunft aussehen soll, aber ich weiß ziemlich gut, was sich für mich einfach nicht mehr richtig anfühlt.
Und ehrlich gesagt ist das schon verdammt viel.
Also: Vielleicht nehmt ihr aus all dem mit: Ihr müsst nicht schon alle Antworten haben, aber ihr dürft anfangen, euch selbst die richtigen Fragen zu stellen.
In diesem Sinne eure
Nadine
