„Geht schon“ und „Alles gut“ gehören vermutlich zu den am häufigsten ausgesprochenen Lügen direkt nach „Ich habe die AGB gelesen“.
Ich beherrsche beide ziemlich gut.
Man knickt um, bekommt beim Sport etwas ab oder kann einen Körperteil nur noch unter erschwerten Bedingungen bewegen: Geht schon. Man ist krank, erschöpft oder hat seit Tagen kaum geschlafen: Alles gut. Man wird gefragt, ob man Hilfe braucht, und antwortet bereits mit Nein, bevor das Gehirn die Frage überhaupt vollständig verarbeitet hat.
Natürlich geht es meistens irgendwie. Menschen können erstaunlich viel aushalten, organisieren und alleine regeln. Man kann mit Schmerzen arbeiten, mit Erschöpfung funktionieren und mit einem Kopf voller Gedanken so tun, als wäre heute lediglich ein etwas anspruchsvollerer Tag. Schließlich wäre es ausgesprochen unpraktisch, wenn der eigene Körper bei der persönlichen Tagesplanung plötzlich ein Mitspracherecht bekäme.
Aus „Geht schon“ wird deshalb irgendwann eine Lebenseinstellung.
Denn ehrlich zu sagen, wie es einem geht, macht verletzlich. In diesem Moment gibt man etwas von sich preis und weiß noch nicht, was das Gegenüber damit anfangen wird. Wird es ernst genommen? Bleibt jemand kurz da? Kommt ein gut gemeinter Ratschlag, obwohl man eigentlich gar keinen bestellt hat? Oder entsteht dieses unangenehme Schweigen, in dem man am liebsten sofort alles wieder zurücknehmen möchte?
„Ach, vergiss es. War gar nicht so gemeint. Alles gut.“
Ich merke bei mir, wie schnell mich solche Situationen nervös machen. Sobald jemand genauer hinschaut, möchte ein Teil von mir Nähe und ein anderer sucht bereits hektisch den Ausgang. Nicht weil ich keine Nähe möchte. Die wäre durchaus schön. Sie sollte möglichst nur stattfinden, ohne dass ich dafür den Schutzpanzer öffnen, etwas erklären oder am Ende womöglich Hilfe annehmen muss. Ein ausgesprochen durchdachtes Konzept mit kleineren technischen Schwierigkeiten.
Viele Menschen können mit echter Verletzlichkeit allerdings tatsächlich nicht besonders gut umgehen. „Meld dich, wenn etwas ist“ ist schnell gesagt. Schwieriger wird es, wenn anschließend wirklich etwas ist und sich dieser unverschämte Mensch tatsächlich meldet.
Dann wäre Geduld gefragt. Vielleicht auch mehr als ein aufmunternder Satz, ein Ratschlag oder ein schnell verschicktes Herzchen. Manchmal bräuchte es jemanden, der nicht sofort nervös nach einer Lösung sucht oder das Thema wechselt, sondern einfach sagt:
„Komm. Es ist wirklich alles gut. Ich helfe dir jetzt. Du musst das gerade nicht alleine machen.“
Das klingt eigentlich nicht besonders kompliziert. Trotzdem scheint es in einem Alltag, in dem alle beschäftigt, erreichbar und gleichzeitig völlig überfordert sind, gelegentlich eine überraschend anspruchsvolle Aufgabe zu sein.
Also baut man sich lieber eine fünfzig Zentimeter dicke Mauer. Stahlbeton, mehrfach verstärkt und selbstverständlich fachgerecht errichtet. Dahinter lässt es sich hervorragend rufen: „Alles bestens!“
Diese Mauer hält Enttäuschungen, ungebetene Ratschläge und Menschen fern, die mit Gefühlen ungefähr so vorsichtig umgehen wie mit einer Abrissbirne. Sie verhindert, dass jemand sieht, wie weich es dahinter eigentlich ist. Blöderweise hält sie gelegentlich auch genau diejenigen draußen, bei denen man sich vielleicht gern einmal anlehnen würde.
Aus einem „Ich schaffe das schon alleine“ und einem dauerhaften „Geht schon“ wird mit der Zeit nämlich ein ziemlich überzeugendes „Lasst mich bitte alle in Ruhe“.
Und irgendwann funktioniert es.
Die Menschen lassen einen in Ruhe.
Dumm nur, wenn man das gar nicht immer wollte.
Denn hinter diesem „Lasst mich in Ruhe“ kann sich gleichzeitig ein ziemlich großer Wunsch nach Nähe verstecken. Der Wunsch, sich anlehnen zu dürfen, Hilfe anzunehmen oder einmal nicht selbst die vernünftigste Person im Raum sein zu müssen.
Ich möchte nicht immer alles alleine schaffen. Ich möchte nur sicher sein, dass jemand sorgsam mit mir umgeht, wenn ich es einmal nicht tue. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Leider fehlt für den eigenen Schutzpanzer häufig die Bedienungsanleitung. Man weiß selbst nicht genau, wo sich der Eingang befindet, wie lange die Öffnungszeiten sind und warum bei manchen Menschen sofort die Alarmanlage anspringt.
Einige wenige finden erstaunlich leicht einen Zugang. Vielleicht weil sie nicht drängen, nicht an der Tür rütteln und nicht sofort wieder verschwinden, wenn sie nicht beim ersten Versuch hereingelassen werden. Bei anderen bleibt innerlich erst einmal die Kette vor der Tür. Nicht unbedingt, weil sie etwas falsch gemacht haben. Manchmal ist das gesamte Sicherheitssystem einfach noch etwas übereifrig eingestellt.
Im Alltag fällt all das kaum auf. Bei mir hängen dann eben noch immer keine Lampen, weil ich dafür jemanden um Hilfe bitten müsste. Das ist keine unfertige Wohnung, sondern ein konsequent umgesetztes Lichtkonzept. Ein Zimmer bleibt so stehen, obwohl ich es gern umstellen würde. Die Küche bekommt keinen neuen Anstrich. Alles vollkommen in Ordnung. Bei gedämpfter Beleuchtung erkennt man die alte Farbe ohnehin kaum.
Es geht schließlich auch so. Bedürfnisse werden einfach nicht mehr geäußert, weil geht schon!
Und genau das ist das Problem: Es geht immer irgendwie auch so.
Nur bedeutet „Es geht“ nicht automatisch „Es tut mir gut“. Es bedeutet auch nicht, dass ich alles weiterhin alleine machen muss, nur weil ich bisher irgendwie dazu in der Lage war. Manchmal ist es keine besondere Stärke mehr, sich durch alles hindurchzuarbeiten. Manchmal ist es einfach eine sehr gut eingeübte Methode, niemanden zu brauchen.
Besonders deutlich wurde mir das in der vergangenen Woche. Ich brauchte Hilfe und musste sie mir erst einmal organisieren. Telefonieren, warten, erklären, weiterverwiesen werden und alles noch einmal erzählen. Man gerät in ein System, in dem Menschen helfen sollen, dafür aber kaum Zeit haben und häufig selbst kurz vor dem kollektiven Zusammenbruch stehen.
Plötzlich hatte ich nichts mehr vollständig unter Kontrolle. Ich brauchte Unterstützung, bekam sie jedoch nicht richtig oder musste erst ausreichend leistungsfähig sein, um mir die Hilfe zu organisieren, die ich gerade benötigte, weil ich nicht leistungsfähig war. Ein wirklich hervorragend durchdachtes Verfahren.
Genau dieses Ausgeliefertsein hat verdammt wehgetan.
Ich hatte mich überwunden, zugegeben, dass es eben nicht mehr einfach ging, und fühlte mich trotzdem wieder alleingelassen. Damit bestätigte sich für einen Moment alles, was mein Schutz irgendwann gelernt hat: Verlass dich besser nicht darauf, dass jemand rechtzeitig kommt. Regel es selbst.
Also blieb ich möglichst vernünftig, hielt durch und versuchte noch freundlich zu erklären, warum ich gerade nicht mehr konnte. Erst später, allein im Auto, kamen die Tränen. Nicht nur wegen der ursprünglichen Beschwerden, sondern weil diese Hilflosigkeit so wehgetan hatte. Weil ich die Mauer für einen Moment geöffnet hatte und mich dahinter trotzdem wieder allein fühlte.
Danach wirkt „Geht schon“ schnell wieder wie die sicherere Variante.
Diese Haltung entsteht nicht aus dem Nichts. Wer häufiger erlebt hat, dass Hilfe ausbleibt, an Bedingungen geknüpft ist oder später gegen ihn verwendet wird, fragt irgendwann nicht mehr danach. Wer verletzlich war und damit nicht sorgsam behandelt wurde, zeigt seine weiche Seite beim nächsten Mal eben nicht sofort jedem dahergelaufenen Vollpfosten. Das ist kein Charakterfehler. Das ist Schutz.
Nur kann ein Schutz, der einmal notwendig war, irgendwann verdammt eng werden.
Vielleicht muss diese Mauer deshalb gar nicht vollständig verschwinden. Sie hatte schließlich einen Grund und hat vermutlich einiges abgehalten. Aber möglicherweise wäre eine Tür ganz praktisch. Eine stabile, deren Schlüssel man selbst behält.
Dann muss weiterhin nicht jeder hinein. Bei manchen darf die Kette ruhig vor der Tür bleiben. Andere dürfen vielleicht Schritt für Schritt näherkommen. Nicht weil sie die Mauer mit Gewalt überwinden, sondern weil sie zeigen, dass sie achtsam mit dem umgehen, was dahinterliegt.
Vielleicht kennt ihr dieses automatische „Geht schon“ ebenfalls. Vielleicht seid ihr auch hervorragend darin, weiterzumachen, niemanden zu belasten und Hilfe erst dann anzunehmen, wenn praktisch bereits Teile von euch abfallen.
Dieser Text ist keine Aufforderung, jedem Menschen sofort das gesamte Innenleben auf den Küchentisch zu legen. Nicht jeder verdient einen Schlüssel zur Tür. Es geht vielmehr darum, unterscheiden zu lernen: Schützt mich meine Mauer gerade wirklich oder hält sie jemanden fern, den ich eigentlich gern näher bei mir hätte?
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einer großen Offenbarung. Vielleicht reicht zunächst eine etwas ehrlichere Antwort.
Nicht immer „Alles gut“.
Manchmal einfach: „Nein, heute ist es gerade ziemlich viel.“
Ohne sofort zurückzurudern. Ohne sich dafür zu entschuldigen. Und vor allem, ohne anschließend noch diejenigen beruhigen zu müssen, denen man gerade erklärt hat, dass man selbst Unterstützung braucht.
Vielleicht müssen wir also gar nicht lernen, noch mehr auszuhalten. Vielleicht müssen wir lernen, bei den richtigen Menschen nicht sofort wieder „Geht schon“ zu sagen.
