Nadine…..und das Leben verwirrt einfach manchmal

Manchmal ist das Leben einfach verrückt, bei mir irgendwie Dauerzustand. Da plant man drei Wochen Urlaub und bekommt nebenbei mehr zu fühlen, als der eigene Kopf vernünftig einsortieren kann, als wäre da sonst so viel Platz.

Zum ersten Mal seit einiger Zeit bin ich dieses Jahr nicht nach Kreta geflogen. Mein letzter Aufenthalt dort hatte mir einen Abschluss geschenkt, der im Herzen bleibt. Deshalb war ich im Reinen damit, diesmal in den Norden zur Familie zu fahren und den Rest des Urlaubs so zu verbringen, wie es mir gefällt. Ein ausgesprochen durchdachter Plan: erst mal machen, dann weitersehen, dachte ich jedenfalls.

Dass diese drei Wochen meinen Kreta Aufenthalten ernsthaft Konkurrenz machen würden, hat mich wirklich überrascht. Entschuldigung, Kreta, ich hätte auch nicht gedacht, dass du ohne Meerblick so leicht ins Schwitzen gerätst.

Von so vielen Seiten kamen Liebe, Herzlichkeit und wirklich unerwartet schöne Erlebnisse, dass ich manchmal kaum hinterherkam. Mein Nervensystem hätte vermutlich gern kurz jemanden gesprochen: „Entschuldigung, ist das alles für uns?“ Ich habe viel gelacht, vie gestaunt und und irgendwie auch oft vor Freude geweint, ja es war schön und ich durfte es tatsächlich erleben.

Dabei brauchte ich gar nicht ständig Programm. Musik im Ohr, Fahrradfahren, Laufen, viele Gespräche ohne Blick auf die Uhr oder ein Nachmittag auf der Couch, ein paar schöne Termine, viel Schreiben reichten völlig. Mit einer Freundin entstand sogar eine Podcastidee. Offenbar brauchen unsere Gedanken dringend noch einen weiteren Ausgang. Nebenbei schaffte ich viele Erledigungen und hatte trotzdem Zeit für Ruhe, ich habe mich lange nicht mehr so wohlgefühlt.

Natürlich war mein Kopf nicht plötzlich still. Ich sagte zwar „Mal sehen“, hatte aber gedanklich längst durchgespielt, was alles passieren könnte. Und weil das offenbar nicht reichte, auch noch das, was ziemlich sicher niemals passieren würde, Gründlichkeit kann ich. Aber zwischendurch konnte ich einfach genießen, ohne alles sofort festhalten oder erklären zu müssen, großartig.

Ich wollte überhaupt nicht, dass dieser Urlaub aufhört, tat er aber. Der Alltag kam mit Vollgas zurück, während mein Immunsystem zwei Tage nach dem Wiedereinstieg offenbar beschloss: Ohne mich, Leute. Zusammen mit den ohnehin schon schlechten Nächten hat mich das ziemlich aus der Bahn geworfen.

Dank unseres so wundervoll erreichbaren Gesundheitssystems durfte ich erst einmal telefonieren, warten, erklären und noch einmal erklären, denn ich wollte eigentlich arbeiten, hätte eigentlich auch gekappt, aber es blieb bei eigentlich. Welcome in my life. Selbstverständlich alles alleine und in ganz vernünftiger NadineManier. Ich hatte Schmerzen, war erschöpft und machte mir gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil ich bei der Arbeit ausfiel. Prioritäten kann ich offenbar auch in völlig bescheuert.

Bei der Gelegenheit dachte ich, ach dann geh ich halt auch direkt mal mein Schlafproblem an. Dass ich dafür gefühlt innerhalb von drei Minuten meine gesammelten „Trotzdem stehe ich noch“ Kapitel auf einen Arzttisch legen würde, hatte ich nicht eingeplant. Als im Gespräch bei mir ankam, dass meine bisherige Arbeit an mir offenbar nicht genug gewesen sein soll, wäre ich beinahe über den Tisch gesprungen. Zum Glück sprang vorher mein trainiertes „Bleib ruhig, Nadine“ System an. Ich konnte deutlich sagen, dass ich Hilfe möchte und mir trotzdem nicht kleinreden lasse, was ich bereits geschafft habe.

Hinterher kamen im Auto die Tränen, ja das passiert leider auch. Das eigene Leben im Schnelldurchlauf zu erzählen ist eben doch eine andere Nummer, als irgendwie damit weiterzuleben. Aus dem Wiedereinstieg wurden fünf weitere Tage zu Hause, ein gründlicher Check-up und etwas Neues, mit dem ich hoffentlich wieder besser schlafen kann. Gut, dass ich das angegangen bin. Trotzdem, liebes Leben: Ich hätte gern noch einmal drei Wochen von vorher, nämlich die ohne Wartezimmer.

Was aber grundsätzlich aus all der Zeit bleibt, ist mehr als ein schöner Urlaub mit chaotischer Verlängerung. Ich habe Verletzlichkeit gespürt und zugelassen, konnte vertrauen, mich fallen lassen und unfassbar viel ich sein. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie viel fucking Schutz ich mir aufgebaut habe. Wenn jemand daran rüttelt oder meine Entwicklung kleinredet, bleibe ich nicht entspannt. Denn nur ich weiß, was mich dieser Weg alles gekostet hat.

Aus meinem „Ich schaffe das alleine“ „geht schon.“ ist manchmal ein ziemlich überzeugendes „Lasst mich bitte alle in Ruhe“ geworden. Dabei will ich das gar nicht immer, ich möchte Nähe, mich anlehnen und Hilfe annehmen können. Nur fehlt mir für meinen Schutzpanzer noch die Bedienungsanleitung. Einige wenige Menschen finden erstaunlich leicht einen Zugang, bei anderen bleibt innerlich erst mal die Kette vor der Tür.

Diese Wochen haben mir gezeigt, wie wichtig Freundschaft, Familie und Vertrauen für mich sind, wie sehr ich Menschen genießen kann und anschließend trotzdem meinen sicheren Rückzugsort brauche. Ich möchte besser erkennen, wann meine Grenzen mich schützen und wann ich aus Angst etwas fernhalte, das ich mir eigentlich wünsche.

Ich habe noch keine fertige Antwort darauf. Aber ich möchte das, was ich mir erarbeitet habe, definitiv bewahren und dabei meiner weichen Seite immer wieder Platz lassen. Vielleicht muss mein Schutz dafür gar nicht vollständig verschwinden. Vielleicht reicht es erst einmal, wenn ich selbst entscheiden lerne, wann ich die Tür öffne.

 

In diesem Sinne eure Nadine….

 

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