Kennt ihr das? Manchmal hat man das Gefühl, das Universum hat sich morgens mit einer Tasse Kaffee hingesetzt und beschlossen: “Heute testen wir mal, wie belastbar du wirklich bist.” Genau so fühlt sich mein Sommer gerade an, ach was rede ich vom Sommer, es zieht sich schon durch das ganze Jahr. Und weil man irgendwann nur noch lachen kann, nehme ich euch heute mit auf meine ganz persönliche “Baustelle”.
Manchmal denke ich : “och, son bisschen Gesellschaft und mal nicht allein sein, wäre ganz gut.” Das Universum hat offenbar zugehört und beschlossen: “Das können wir ändern!!”
Seit einigen Wochen bin ich zwischen sechs und fünfzehn Uhr praktisch nie mehr allein. Ich habe eine komplette Baustellen-Crew als Tagesbegleitung, kostenlos, täglich, leider ohne Kündigungsfrist. (die Gesllschaft, die ich nicht bestellt habe, die bleibt…irgendwie schon ironisch)
Mein Wecker klingelt nicht mehr. Das übernimmt inzwischen der Presslufthammer. Kommuniziert wird mit Händen, Füßen, einem freundlichen Lächeln und regelmäßig mit einem lauten “Yalla, yalla!”, gefolgt von Worten, die vermutlich nicht im Duden für höfliche Umgangsformen stehen. Ich bitte um etwas und werde schlicht weg nicht verstanden und nur freundlich oder mega grimmig, gruselig angeschaut, als hätte ich gerade irgendwie Altgriechisch gesprochen. Meine eigene Sprache hat sich mitlerweile ebenfalls auf wenige Worte reduziert.
Meine heilige Privatsphäre hat ebenfalls Urlaub. Ich schließe inzwischen die Badezimmertür, obwohl ich allein wohne. Man weiß schließlich nie, wer gerade außen am Gerüst vorbeispaziert.
Der Blick durch den Türspion ist mittlerweile ein kleines Abenteuer. Früher habe ich geschaut, wer klingelt. Heute besteht die reale Chance, dass mich direkt vor der Nase ein Elektriker begrüßt, der gerade meine Flurwand aufstemmt. Meistens sehe ich zuerst einen erstaunlich blassen Bierbauch. Irgendwann brauche ich wegen dieses Türspions noch einen Defibrilator.
Dann ist da noch unser Garten, der war mal mein Ruheort. Heute wäre jede Tasse Kaffee dort eher eine “öffentliche Veranstaltung”. Und ich habe den leisen Verdacht, dass ich den Arbeitsfortschritt nicht unbedingt steigere, wenn ich mich draußen in die Sonne setze. Sagen wir einfach mal so: Manche Blicke verraten, dass plötzlich nicht mehr nur die Hausfassade interessant ist. Also wieder rein in den “Baustellenknast” mit Folien an den Fenstern, geschlossenen Plissees und Dunkelheit.
Dann ein nächster Schock……Die Bauarbeiter ziehen sich mitten auf der Wiese um. Maurerdekolltés, Bierbäuche und Hosen mit sehr eigenwilliger Schwerkraft gehören inzwischen zu meinem Alltag.
Und dann dieser Dreck, den gibt es natürlich ebenfalls in rauen Mengen gratis dazu. Styroporkügelchen von der neuen Fassadendemmung haben offenbar einen eigenen unaufhörlichen Fortbewegungsdrang. Ich sauge sie weg, sie kommen wieder. Wahrscheinlich vermehren sie sich nachts. Unser Waschkeller sieht aus wie eine Mischung aus Wüste und Pulverschnee. Meine neue Waschmaschine werde ich vermutlich liebevoll abdecken müssen, weil ich nicht sicher bin, ob meine Wäsche dort sauberer oder staubiger herauskommt als vorher.
Ach ja… ich habe sogar zwei Schaufeln verliehen, im Anflug von Mitleid, als ich beobachtete, wie die Bauarbeiter versuchten, die Erde vor dem Haus mit Gerüststangen und ihren Händen weg zu schaufeln. Irgendwo auf diesem Baustellenuniversum müssen sie noch existieren. Vielleicht tauchen sie irgendwann beim Rückbau wieder auf. Vielleicht haben sie inzwischen einen Helm bekommen und arbeitet offiziell mit. Ruht in Frieden ihr Schaufeln.
Und sobald die Handwerker Feierabend machen, übernimmt die nächste Schicht. Über mir wohnt eine Familie mit vier Kindern, die offenbar beschlossen hat, dass Rücksicht und Zimmerlautstärke völlig überbewertete Erfindungen sind. Mein Abendprogramm besteht deshalb regelmäßig aus Rennen, Poltern und der Frage, ob dort oben heimlich eine Elefantenherde eingezogen ist.
Naja, jedenfalls habe ichmanchmal den Verdacht, dass dieses Jahr eine kleine Challenge mit mir veranstaltet:
“Mal sehen, wie viel Nadine gleichzeitig aushält.”
– Liebe? Schwierig.
– Ein größeres Veränderungsprojekt? Viel Theater, wenig Rückrat, verschenkte Lebenszeit und Ausbaden musste ich….
– meine Waschmaschine? Verabschiedet sich.
– mein Auto? Meldet ebenfalls Gesprächsbedarf.
– meine Wohnung? Baustelle.
– mein Nervensystem? Fragt vorsichtig nach einer Versetzung.
Man könnte jetzt denken, dass ich mich wenigstens nicht mehr einsam fühle. Die Wahrheit ist fast ein bisschen lustig. Mein Wunsch nach mehr Gesellschaft wurde erfolgreich erfüllt. Doch leider hat das Universum vergessen nachzufragen welche. Vielleicht sollte ich es demnächst einfach mal präziser formulieren.
Ich glaube übrigens, der Wald kennt mich inzwischen persönlich. Falls Bäume Augen haben, verdrehen sie wahrscheinlich schon die Blätter, wenn sie mich wieder ankommen sehen. “Ach, sie schon wieder.” Aber dort draußen finde ich das, was hier gerade Mangelware ist: nämlich Ruhe und keine Menschen!
Und trotzdem passiert zwischen all dem etwas:
Denn wer mich kennt, weiß, dass mich Lärm, zu dolle Unordnung und fehlender Rückzug nicht einfach nur nerven. Sie bringen mich ordentlich ins Schleudern. Deshalb ist das hier für mich nicht einfach nur mal eben eine “vorrübergehende Baustelle” kein “stell dich nicht so an”. Mein gesamter Schutzort ist gestört. Und das kostet mich Energie!
Trotz allem Frust, trotz aller Genervtheit, Dauerlärm, fehlender Privatsphäre, Bierbäuchen und Baustellenritzen, Maurerdekoltee, verliere ich dennoch nicht den Humor und bleibe selbstwirksam:
Ich bestelle eine neue Waschmaschine. Ich kümmere mich ums Auto. Ich gehe dreimal pro Woche zum Sport. Ich funktioniere nicht nur, ich gestalte. Ich fahre nach Hude, ich gehe am Wochenende raus, uvm. Ich merke, dass meine Selbstwirksamkeit größer wird als das Chaos um mich herum.
Ich kann die Baustelle nicht wegzaubern. Ich kann die Handwerker nicht nach Hause schicken (oder netter kleiden :)) Ich kann den Staub nicht verhandeln. Aber ich kann entscheiden, was ich daraus mache. Und das fühlt sich gut an.
Während draußen mein Haus saniert wird, passiert nämlich auch in mir etwas.
Ich lerne, dass ich meine Ruhe nicht immer im Außen finden kann. Dass ich sie manchmal ganz bewusst suchen muss. Im Wald, beim Sport, bei Menschen, die mir guttun, oder einfach in dem Wissen, dass auch diese Baustelle irgendwann Geschichte sein wird und wir hier ein wirklich tolles neues Haus stehen haben werden.
Und wenn irgendwann die Gerüste verschwinden, die Styroporkügelchen endlich ausgestorben sind und der letzte Presslufthammer verstummt…dann werde ich wahrscheinlich einfach nur mit einer Tasse Kaffee auf meinem Balkon sitzen.
In herrlicher Stille.
Und sie genießen wie nie zuvor. Denn manche Momente wissen wir erst dann wirklich zu schätzen, wenn sie uns eine Zeit lang gefehlt haben.
P.S. an das Universum: Falls das alles bis hier her, in diesem Jahr, tatsächlich alles eine Lektion gewesen sein sollte…..ich glaube ich habe sie inzwischen wirklich verstanden. Echt jetzt mal, du darfst jetzt wieder ein bisschen großzügiger zu mir sein. Ein paar schöne Überraschungen wären echt mal wirklich nett von dir! Ich denke ich bin doch einfach jetztmal dran, verdammt nochmal…..
In diesem Sinne
eure Nadine
