Nadine und……wenn mein Nervensystem mal wieder meint, es hätte viel zu tun

Habt ihr schon mal von der unfassbaren Arbeit eures Nervensystems gehört? Das Nervensystem steuert alles, was du tust, bewusst und unbewusst. Das Gehirn verarbeitet Informationen, das Rückenmark verbindet Gehirn und Körper, Nerven leiten Signale überall hin. Es sorgt dafür, dass du denken, fühlen, bewegen und überleben kannst. Mein Nervensystem ist dabei oft wie ein übermotivierter Wachhund. Total lieb gemeint, aber es schlägt auch dann an, wenn ein Blatt vom Baum fällt.

Je nach Lebens,- und vor allem Jugend,- und Kindheitserfahrung reagiert so ein Nervensystem früher und lauter. Von außen sieht man das natürlich nicht. Meins ist überfürsorglich, sehr bemüht, laut und häufig VÖLLIG unnötig. Ich sag’s euch: anstrengend! Vor allem in der Liebe dreht mein Nervensystem (liebevoll „Pucky“ genannt) komplett durch.

Tja, auch bei mir reagiert es nicht zufällig oder aus Langeweile. Es hat in der Vergangenheit, ach was, seit der Jugend, ein paar Kapitel erlebt, die locker in die Kategorie „Staffel einer schlechten Serie“ fallen. Immer wieder allein gelassen werden, Chaos, Missbrauch, Kämpfen um gesehen zu werden…

Kein Wunder, dass mein „Wachhund“ reagiert wie jemand, der zu viele Horrorfilme gesehen hat. Und ja: Das ist wirklich anstrengend.

Lange dachte ich, ich müsste meine inneren Alarmglocken ausschalten, um ein ruhigerer Mensch zu werden. Heute weiß ich: Es wird nicht ruhiger. Und ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber ich bemerke alles früher und das ist für mich ein großer Fortschritt. Ich habe nicht mehr den Reflex, alles wegzudrücken oder dagegen anzukämpfen. Cool bleibe ich immer noch selten, aber ich merke in der Überreizung, was passiert, und gehe TROTZDEM meinen Weg weiter. Ich gehe durch die Angst, oder auch mit ihr.

Wenn’s passiert, spannt sich mein ganzer Körper an. Der Kopf analysiert wie auf der Autobahn, die Fantasie baut Storys, der Fokus verengt sich, das Herz rast. Ein sofortiges Bedürfnis nach Klarheit, nach einem „Ergebnis“, nach irgendeiner Form von Halt. Ich funktioniere dann oder werde unruhig, hibbelig, fast panisch.

Zum Glück gibt es inzwischen Dinge, die mich sofort runterbringen: ein Stopp, kurz inne halten, ein bewusster Atemzug, ein Realitätscheck und manchmal eine vertraute Person, die ruhig und wohlwollend mit mir umgeht.

Aber es gibt auch Dinge, die GAR NICHT helfen:

vorallem Druck, Bewertungen, „gut gemeinte“ Belehrungen. Da schießt mein Nervensystem fast ins All. Erwartungen von außen oder von mir selbst, wirken wie ein Verstärker. Weil sie alte Erfahrungen berühren: Nicht gesehen zu werden. Nicht ernst genommen zu werden. Für mich bedeutet es: “ich muss funktionieren, sonst bin ich falsch. Wenn ich es nicht erfülle, passiert was schlimmes”

Oft muss ich über „Pucky“ lachen, nicht, weil es witzig wäre. Denn das ist es weiß Gott nicht. Es tut weh. Aber Humor ist manchmal der einzige Weg, nicht völlig wahnsinnig zu werden. Manchmal ist es wie eine kleine Sitcom in mir: Der Wachhund, der Alarm schlägt. Der Kopf, der in Rekordzeit ein Drama inszeniert. Der Körper, der sofort in den Überlebensmodus schaltet. Und ich sitze in der Mitte, trinke meinen Kaffee und sage: „Leute… danke für euren Einsatz. Aber wir machen das jetzt bitte in normaler Geschwindigkeit.“ Klingt lustig – ist es im Alltag aber nicht immer. Es macht Beziehungen komplizierter, es erschwert Nähe, es lässt mich manchmal denken, dass viele Menschen mich nicht lange aushalten. Denn wer ein sensibles Nervensystem hat, der liebt tief, fühlt tief, aber reagiert eben auch tief.

Vielleicht ist das genau die Mischung, die mich ausmacht: Ich bin mutig, offen, reflektiert, spontan, herzlich…und gleichzeitig trage ich ein Chaos mit mir herum, das manchmal ohne Vorwarnung die Bühne betritt.

Und trotzdem gehören diese Gegensätze zusammen: Ohne die Tiefe gäbe es nicht meine Wärme. Ohne das Chaos gäbe es nicht meinen Mut. Und ohne meine Überreaktionen gäbe es nicht die Achtsamkeit, mit der ich heute durchs Leben gehe.

Jeden Tag übe ich, freundlich mit „Pucky“, meinem inneren Wachhund, zu sprechen. Ich zähme ihn nicht, ich nehme ihn an die Leine und sage: „Komm, wir gehen weiter.“ Das kostet mich oft mehr Kraft, als man sieht. Es kostet viele Tränen. Es kostet Mut. Aber ich möchte nicht in Angst leben. Deshalb gehe ich weiter, auch wenn es stürmt, auch wenn es weh tut. Ich versuche darauf zu vertrauen, dass mein Weg mich trägt…irgendwie, irgendwann. Meine Tiefe ist kein Fehler. Sie ist mein Kompass. Wird schon. Am Ende geht es vielleicht genau darum: einfach weiter zu gehen und sich selbst nicht zu verlieren. Vielleicht bekomme ich den Wachhund ja eines Tages sogar stubenrein.  🙂

In diesem Sinne, eure Nadine.

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